Irma Thomas "Simply Grand"

- Irma Thomas "Simply Grand"
Rounder
Ein Jubiläum ganz besonderer Art wird im kommenden Jahr Irma Thomas feiern können: Denn dann jährt sich bereits zum fünfzigsten Mal das Datum, an dem sie ihre erste Plattensession unter eigenem Namen machte. Die am 18. Februar 1941 in Ponchatoula / Louisiana geborene Sängerin, die schon seit langem eine Ikone der amerikan. Popularmusik ist, beweist auf ihrem neuen Album "Simply Grand", daß ihre Kreativität ungebrochen ist und ihre stimmliche Ausdrucksstärke nicht nachgelassen hat. "
Viele Sänger, die schon so lange wie Irma Thomas Aufnahmen machen, nehmen irgendwann Zuflucht zu Tricks, Manierismen und exhibitionistischen Kabinettstückchen", schrieb ein amerikanischer Kritiker in einer Rezension des 2006 erschienenen Grammy-Albums "After The Rain". "Nicht so Thomas! Sie ist die Anti-Diva geblieben, die sie immer schon war, eine Stilistin von exquisitem Understatement, bei der jede einzelne Note glaubwürdig klingt und absolut passend ist."
Bekannt wurde Irma Thomas in den 60er Jahren durch eine ganze Reihe von Hits wie "Time Is On My Side"(die Nummer coverten später die Rolling Stones), "It's Raining" und "Wish Someone Would Care". Mit ihrer Band The Tornados tourte sie damals fast unablässig durch den Süden der USA.
Ein Zuckerschlecken war ihr Leben in diesen Karrieranfangsjahren allerdings nicht gewesen. Als sie noch keine zwanzig Jahre alt war, konnte die Sängerin bereits auf zwei gescheiterte Ehen zurückblicken (die erste hatte sie auf Druck ihres Vaters mit 15 eingehen müssen, weil sie schwanger war), aus denen sie mit vier kleinen Kindern hervorging. Vom zweiten Ehemann übernahm sie außerdem den Nachnamen Thomas (zur Welt gekommen war sie als Irma Lee).
1969 wurde die alleinstehende Mutter eines der Opfer des Wirbelsturms Camille. Obdachlos geworden, zog sie mit ihren Kindern daraufhin zuerst nach Oakland und dann nach Los Angeles, wo sie, um ihre Familie durchzubringen, eine zeitlang in einem Kaufhaus arbeiten mußte und nur hier und da Zeit für Aufnahmen und Auftritte fand. Nicht zuletzt durch diese ungünstigen Lebensumstände erklärt sich, weshalb Irma Thomas nie denselben Erfolg hatte wie ihre Zeitgenossinnen Aretha Franklin, Gladys Knight oder Etta James.
In den 70ern kehrte Thomas nach Louisiana zurück und ersang sich langsam, aber beharrlich den Ruf, die "Soul-Königin von New Orleans" zu sein. Nach einer Reihe von Alben für diverse Label (darunter Chess Records) unterschrieb Irma Thomas 1986 schließlich einen langfristigen Plattenvertrag bei Rounder Records. Ihr bei Rounder erschienenes Album "Live! Simply The Best" brachte ihr 1991 ihre erste Grammy-Nominierung ein.
Einen Rückschlag erlitt die Sängerin 2005 als der Wirbelsturm Katrina zuschlug, ihr Haus unter Wasser setzte und alles zerstörte, was sie besaß (inklusive den Nachtclub The Lion's Den, den sie Anfang der 80er Jahre mit ihrem Mann Emile Jackson eröffnet hatte). Irma selbst entging Katrina, da sie sich gerade in Austin/Texas aufhielt. Mittlerweile haben Irma Thomas und Emile Jackson ihr Haus wieder aufgebaut (sie gehörten glücklicherweise zu den wenigen, die gegen Hochwasser versichert waren!). Auch ihrer Karriere tat die Naturkatastrophe keinen Abbruch: ganz im Gegenteil, sie kam sogar besser denn je in Schwung.
Das erste Album nach Katrina trug den passenden Titel "After The Rain" und wurde nur wenige Wochen nachdem der Wirbelsturm die Gegend verwüstet hatte im ländlichen Maurice in Louisiana aufgenommen. Für dieses Album erhielt Thomas 2006 einen Grammy, den Blues Music Award in der Sparte "Soul-Blues-Album des Jahres" und weitere Auszeichnungen.
Jetzt ist Irma Thomas mit ihrem langjährigen Produzenten Scott Billington ins Studio zurückgekehrt, um eines der abenteuerfreudigsten und befriedigendsten Alben ihrer gesamten Karriere aufzunehmen. Während sie bei "After The Rain" auf eine kleine Band und akustische Instrumente setzte, präsentiert sich Irma auf "Simply Grand" bei jedem Stück mit einem anderen Pianisten, manchmal im Duett und dann wieder mit Verstärkung einer Rhythmusgruppe und Background-Sängern. "Ich wollte den Rahmen simpel halten", sagt Produzent Billington, "um dem Reichtum von Irmas Stimme und den Nuancen eines jeden Pianisten reichlich Platz zu lassen."
Die Liste der Pianisten, die Irma hier begleiten, ist wirklich beeindruckend: Marcia Ball, Henry Butler, Jon Cleary, Davell Crawford, Dr. John, David Eagan, Norah Jones, Ellis Marsalis, Tom McDermott, John Medeski, Randy Newman und David Torkanowsky. "Wir haben ein ganzes Weilchen gebraucht, um alte und neue Songs auszuwählen, die sowohl hervorragend zu Irma als auch zu jedem Pianisten paßten", meint Billington.
Dabei mußte die Sängerin sich bei vielen dieser Kollaborationen richtig ins Zeug legen. Ihre Interpretation des Jazzstandards "This Bitter Earth" (mit Ellis Marsalis) ist bittersüß und von Zurückhaltung geprägt, während sie bei dem neuen Brian-King-Lied "Cold Rain" die ganze Bandbreite ihrer Stimme zum Einsatz bringen kann. Ein weiteres Highlight ist die Zusammenarbeit mit David Torkanowsky bei dem von Burt Bacharach und Steve Krikorian geschriebenen Popsong "What Can I Do", in dem auch ein Streichquartett zu hören ist. Henry Butler gab seinem Arrangement des John-Fogerty-Stücks "River Is Waiting" einen anregenden, leicht südafrikanischen Groove. Mit Norah Jones nahm Irma Thomas deren jüngsten Hit "Thinking About You" in einer neuen Version auf.
Von ihren Blues-Wurzeln entfernt sich Irma Thomas nie sehr weit. Ihre bemerkenswerten Duette mit Dr. John (in "If I Had Sense I'd Go Back Home" und "Be You") sind schlichtweg atemberaubend. So wie auch das Duett mit John Medeski, bei dem die Funken fliegen. Den Song "Somebody Told You", den sie hier mit dem New Yorker Groove-Jazzer darbietet, hatte Irma erstmals 1962 aufgenommen. Und sie singt ihn noch immer in derselben Tonart!
'Marcia Ball begleitet Irma Thomas bei Don Nix' "Same Old Blues", während Tom McDermott ihr bei dem alten Louis-Jordan-Song "Early In The Morning" zur Seite steht. Jon Clearys "Too Much Thinking" ist eine humorige Nummer in bester New Orleanser Rhythm'n'Blues-Tradition, während David Egans "Underground Stream" sich als sehr inspirierender Song mit einem unvergeßlichen Chorus entpuppt. Davell Crawford, einer der gefragtesten New Orleanser Allround-Pianisten der jüngeren Generation, begleitet Irma bei der neuen Rhythm'n'Blues-Nummer "Overrated". Das Album endet mit Irmas beseelter Interpretation von Randy Newmans "I Think It's Going To Rain Today".
"Dies war das ambitionierteste Projekt, das ich bis dato mit Irma gemacht habe", bilanziert Billington. "Aber wir haben uns auch noch nie so prächtig amüsiert. Bei allen Musikern hatte ich den Eindruck, daß sie restlos begeistert waren, mit dieser legendären Künstlerin im Studio zusammenarbeiten zu dürfen." Am Beeindruckendsten ist aber an diesem Album vielleicht, wie frisch und unverbraucht Irma Thomas klingt. Jeden einzelnen Song interpretierte sie mit sehr viel Gefühl, Aufrichtigkeit und ihrer erstaunlichen Stimme. Mit der riß sie beim letzten New Orleans Jazz And Heritage Festival auch das Publikum mit, als sie dort die Bühne mit einer anderen Ikone der amerikanischen Musik teilte: mit keinem Geringeren als Stevie Wonder.
Tracks
1. River Is Waiting
2. If I Had Any Sense I'd Go Back Home
3. Too Much Thinking
4. Early in the Morning
5. What Can I Do
6. Underground Stream
7. Thinking About You
8. Be You
9. This Bitter Earth
10. Cold Rain
11. Somebody Told You
12. Overrated
13. Same Old Blues
14. I Think It's Going to Rain Today
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