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Michael Bolton "One World One Love"

Michael Bolton "One World One Love"
Motown

Würde man eine Liste derjenigen Musiker erstellen, die bereits über 53 Millionen Platten verkauft, gleich mehrere Grammys in der Kategorie „Best Male Vocalist“ sowie unzählige andere Preise gewonnen, einen Stern am Hollywood Walk Of Fame erhalten und rund um den Globus für ausverkaufte Stadien gesorgt haben, wäre der Name Michael Bolton selbstverständlich darauf vertreten.

Würde man sie jedoch in einem zweiten Schritt danach abklappern, wer bereits mit Luciano Pavarotti und Ray Charles auf einer Bühne stand, Songs mit Bob Dylan, Ne-Yo und Lady Gaga geschrieben, unsterbliche Hits für Barbra Streisand und KISS geschaffen oder gemeinsam mit B.B. King Gitarre gespielt hat und zudem erleben durfte, wie eine seiner Kompositionen auf einem Track von HipHop-Superstar Kanye West (featuring Jay-Z) als tragendes Sample zum Einsatz kam, wäre abgesehen von seinem definitiv kein anderer Name mehr auf dieser Liste zu finden.

Hört man sich Michael Boltons grandioses neues Album „One World One Love“ an, fällt es schwer zu glauben, dass es sich dabei bereits um sein 18. Studioalbum handeln bzw. dass diesem Meilenstein eine derart erfolgreiche Karriere vorausgegangen sein soll. Gewiss erreichen nur wenige Künstler diese Art von musikalischer Volljährigkeit: 18 Alben. Und diejenigen, die doch an diesen Punkt gelangen – besonders jene, die schon 53 Millionen Platten verkauft, diverse Grammys eingesammelt und ihren Stern am Walk of Fame bekommen haben –, arbeiten in der Regel schon seit Jahren nach der gleichen Formel, die sie immer und immer wieder ausschlachten.

Was für Michael Bolton jedoch niemals in Frage käme. Dafür ist er einfach viel zu hungrig, viel zu neugierig, viel zu sehr der klangliche Allesfresser, dem keine Schublade genügt. „Ich gehöre nicht zu den Künstlern, die einfach mal eben ein Album veröffentlichen“, sagt der Sänger und Komponist. „Stattdessen versuche ich immer einen oder zwei Schritte Vorsprung zu mir selbst zu haben. Ich muss einfach immer wieder neue Risiken eingehen, mich neuen Herausforderungen stellen.“

Michael Bolton hält dieses Versprechen nun schon seit 22 Jahren. Ende der achtziger Jahre machte er sich einen Namen, indem er Soul-Klassiker von Ray Charles, Percy Sledge und Otis Redding im neuen Gewand präsentierte, woraufhin Zelma, die Gattin des verstorbenen Redding, ihm schrieb, dass Boltons Version von „Dock Of The Bay“ ihre „absolute Lieblingsversion des Klassikers“ ihres Mannes sei. Wenig später spielte er bereits an der Seite von Blueslegende B.B. King, und 1991 schrieb er gemeinsam mit Bob Dylan den Song „Steel Bars“.

Ein ähnlich virtuoser Abstecher auf musikalisches Neuland sorgte dafür, dass er 1998 auch Klassikfans begeisterte, als er Arien für ein Opernalbum einsang und daraufhin gemeinsam mit der inzwischen verstorbenen Opernlegende Pavarotti sowie mit Plácido Domingo, José Carreras, Renée Fleming und anderen Operngrößen auftrat. Zeitgleich schrieb er weiterhin einen Popsong nach dem anderen und versorgte unzählige andere Künstler wie Barbra Streisand, KISS und Cher mit eingängigen Hits.

Auch nach der Jahrtausendwende drosselte Bolton sein Tempo keineswegs – im Gegenteil: ähnlich wie seine Fangemeinde, die mit jedem Tag größer wurde, wuchs auch die Liste der Leute, mit denen er im Studio war oder auf der Bühne stand, stetig weiter. Während er sich 2006 gerade daran machte, ein Album mit Swing-Standards von Sinatra aufzunehmen, trat überraschenderweise selbst die HipHop-Größe Kanye West an ihn heran, weil er den Gesang von Boltons „Maybe It’s The Power Of Love“ für das Stück „Never Let Me Down“, einen Track mit Jay-Z, als Sample einsetzen wollte.

Für einen weißen Jungen aus Connecticut, der in den Siebzigern als Sänger einer Metal-Band erste Gehversuche unternahm, ist Michael Bolton definitiv extrem weit herumgekommen – allein schon was die musikalische Palette seines Schaffens betrifft. Dabei ist das natürlich alles kein Zufall. „Ich bin mit der Einstellung aufgewachsen, dass man allen Genres und jeder Art von musikalischem Ausdruck gegenüber offen sein und das auch bleiben muss. Es geht mir um Ausdrucksfreiheit, darum, jede Art von Musik als das zu akzeptieren, was ein Künstler damit im Sinn hat.“

Für sein neues Album hatte sich Bolton zwei Hauptziele gesteckt: Einerseits wollte er bewegende und positive Popsongs aufnehmen, die einfach nur frisch und zeitgenössisch klingen, ohne dabei den klassischen Bolton-Sound aus den Augen zu verlieren. Sein Kommentar: „Die Frage dabei lautete: Wie schaffe ich es, einen modernen Sound zu kreieren, ohne dabei stimmlich oder musikalisch so zu wirken, als wolle ich mich nun plötzlich als junger Künstler der Stunde verkaufen.“

Zugleich lag es ihm ebenso sehr am Herzen, ein Album aufzunehmen, das der düsteren Stimmung entgegenwirkt, die sich zunehmend in der ganzen Welt ausbreitet. „Jeder einzelne Song sollte ein gutes Gefühl vermitteln, weil die Leute so oder so schon genügend Probleme haben. Sie brauchen etwas, das sie aufheitert. ‘Keine Trennungssongs!’, lautete daher irgendwann unser Leitspruch.“

Entscheidend bei der Umsetzung dieser Ziele war wie so oft das richtige Team. Da er die Idee verworfen hatte, Coverversionen von Soul-Klassikern aufzunehmen, machte sich Bolton nunmehr auf die Suche nach „jungen Talenten, die noch Teenager waren, als meine ersten Songs im Radio liefen. Ich wollte mit Songschreibern und Produzenten arbeiten, die die aktuelle Musiklandschaft verstehen und prägen, und die sich darüber hinaus aber auch mit der Ära auskennen, in der ich angefangen habe.“

Mit der Unterstützung von Jolene Cherry, die ihm bei der Koordination zur Seite stand, konnte Bolton schon bald mit den richtigen Leuten auftrumpfen: Zunächst ging er mit Nasri Atweh und Adam Messinger aus Toronto ins Studio, die zuvor schon für Brandy und die Macher des „High School Musical“-Films gearbeitet hatten, wie auch mit einem weiteren Kreativ-Duo: Mike Mani und Jordan Omley, gemeinsam unter dem Namen The Jam aktiv, die ihr Können z.B. schon für Leona Lewis unter Beweis stellen konnten.

Während der Arbeit mit Mani traf sich Bolton auch mit einer aufstrebenden jungen Künstlerin, die ganz außer sich war, weil sie plötzlich mit einem ihrer Helden arbeiten durfte. „Ich machte gerade eine Pause, als mein Manager mir das Telefon gab und sagte, da sei eine junge Künstlerin namens Lady Gaga am anderen Ende. Das war im August 2008. Damals war sie keinem meiner Kollegen ein Begriff... oder besser gesagt: noch war sie ihnen kein Begriff.“

Sobald er Stücke wie „Just Dance“ oder „Poker Face“ zum ersten Mal gehört hatte, war es um ihn geschehen: „Sie klang wie die junge Madonna, aber noch viel ausgelassener, und zugleich merkte man, dass es ihr wirklich um die Musik selbst ging und nicht so sehr ums Marketing. Ihre Spontaneität und diese natürliche Art fand ich von Anfang an mehr als erfrischend.“ Als die beiden sich daraufhin in Los Angeles im Studio verabredeten, sagte Bolton zu ihr: „Wenn das hier funktionieren soll, muss es die Leute einfach nur erschlagen. Und sie antwortete wie aus der Pistole geschossen: ‘Du ermordest mein Herz!’“ Und damit stand auch schon der Titel von „Murder My Heart“, einem der Highlights der neuen LP, das Bolton gemeinsam mit Lady Gaga geschrieben hat, wobei sich die Pop-Überfliegerin auch das Mikrofon mit ihm teilt.

Eine weitere Schlüsselfigur bei den Aufnahmen war der R&B-Star Ne-Yo, dessen Arbeitsmoral Bolton mindestens genauso beeindruckte wie sein Können: „Das ist einer, der ins Studio kommt, um zu arbeiten! Er ist so versiert bei der Sache und seine musikalische Palette ist so unfassbar groß, dass ich mir gar nicht mal sicher bin, ob die Fans das auch alles verarbeiten können. In seinem Kopf reiht er pausenlos Töne aneinander und verknüpft sie zu Melodien. Er hört Obertöne heraus, die definitiv jenseits des gängigen Pop-Jargons liegen. Ich war dabei, wie er zwanzig Spuren in zehn Minuten aufgenommen hat, alles perfekt aufeinander abgestimmt, mit vierstimmigen Harmonien und den passenden Kontrapunkten darunter.“ Auf dem wunderschönen Mid-Tempo-Song „The Best“ glänzt Ne-Yo zudem auch noch mit einem Gastauftritt am Mikrofon. Zugleich ist damit der Höhepunkt der ausgelassenen Stimmung erreicht, denn ab hier wird das Album etwas ruhiger.

Einen Großteil der 12 Songs, die gemeinsam mit unterschiedlichen Produzenten, Songschreibern und anderen Albumgästen entstanden sind, schrieb Bolton dabei selbst als Co-Autor – mit nur drei Ausnahmen: Zunächst wäre da ein Remake von Terence Trent D’Arbys 1987er Hit „Sign Your Name“, dem Bolton in seiner Version einen unwiderstehlichen Latin-Einschlag verleiht; ein Song übrigens, den er früher andauernd im Radio hörte, als er mit „That’s What Love Is All About“ seine ersten Charterfolge feiern konnte.

Der letzte Song der LP ist „Crazy Love“, eine wunderbar minimalistische Coverversion des Van-Morrison-Klassikers, der ursprünglich 1970 auf dem Album „Moondance“ erschienen ist. „Niemand beherrscht es so wie Van, die Strophe absolut gefühlvoll einzusingen, um dann beim Refrain allen Emotionen freien Lauf zu lassen.“ Zu guter Letzt wäre da noch der unbeschreiblich romantische Song „Invisible Tattoo“, der aus der Feder von Sharon Robinson stammt, die im Verlauf ihrer Karriere schon oft mit Leonard Cohen gearbeitet hat.

Da das Album nun abgemischt und somit im Kasten ist, besteht die nächste große Herausforderung darin, die neuen Songs endlich auch live auf der Bühne zu präsentieren. Dabei ist Bolton nicht nur im Studio ein Perfektionist; auch für seine Auftritte legt er die Latte extrem hoch: „Während meiner Arbeit mit Pavarotti habe ich viel über meine Stimmbänder und all die Muskeln gelernt, die beim Singen zum Einsatz kommen. Sie sind es letztlich, die darüber entscheiden, ob man ‘When A Man Loves A Woman’ und ‘Nessun Dorma’ überhaupt am selben Abend live singen kann. Wenn ich auf Tour bin, kann ich mir keine Partys erlauben. Ich bin dann vollkommen diszipliniert und stimme alles darauf ab, um 70 bis 80 Konzerte im Jahr geben zu können.“

Während der anstehenden Tournee wird abermals sein iPod für ausreichend Musik auf den Ohren sorgen: Darauf befindet sich nämlich eine unglaubliche Kollektion, die er selbst als „klangliche Nährstoffe“ bezeichnet, „ausgewählt aus dem Repertoire der Giganten, die vor mir da waren.“ Konkret bedeutet das in Boltons Fall, dass hier alles von den allerersten Caruso-Aufnahmen bis hin zu Compilation-Alben von Robert Johnson zu finden ist. Von Billie Holiday bis Lady Gaga. Von Marvin Gaye bis Ne-Yo, John Mayer bis Jimi Hendrix.

Zu behaupten, Michael Bolton sei ein umtriebiger, ja rastloser Geist, wäre ganz klar untertrieben. Denn ehrlich gesagt verspürt er heute noch immer denselben Hunger, der ihn als junger Songwriter weitermachen ließ, bis er schließlich, mit Mitte dreißig, seine ersten großen Solo-Hits landete. „Wenn man 18 Jahre auf seinen ersten Hit warten musste, löst das in einem irgendwie das Gefühl aus, dass man nicht mehr zurück will“, sagt er und lächelt etwas gequält. Doch selbstverständlich schaut er niemals zurück: „Jede Aufnahme fühlt sich für mich wie ein Satz aufs nächste Level an, wie eine Reise, in deren Rahmen ich immer neue Aspekte meines künstlerischen Schaffens erkunden und ausleben kann.“

Artist Page

Tracks
1. Ready For You
2. Just One Love
3. Need You To Fall
4. Hope It's Too Late
5. Can You Feel Me
6. The Best
7. Murder My Heart
8. You Comfort Me
9. Sign Your Name
10. Invisible Tatoo
11. Survivor
12. Crazy Love

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