Nigel Kennedy "Beethoven & Mozart: Violin Concerts"

- Nigel Kennedy "Beethoven & Mozart: Violin Concerts"
EMI Classics
Kennedy und Mozart: Das gab es noch nie. „Ich hatte keinen Grund, mich mit Mozart zu beschäftigen“, sagt Nigel Kennedy, und das ist für ihn Grund genug, es zu lassen. Mozart-Jahr, Publikumswünsche, Projektplanungen der Plattenfirma hin oder her.
Jahrzehntelang hat Kennedy Mozarts Noten buchstäblich nicht angerührt. Und jetzt: Seine erste Aufnahme eines Mozart-Konzerts, gekoppelt mit dem Violinkonzert von Beethoven. Und Kennedy wäre nicht Kennedy, hätte er nicht in den vertrauten Stücken für so manche Überraschung gesorgt!
In Musikerkreisen wird ja gerne von Grenzüberschreitungen gesprochen – aber nur sehr wenige können damit wirklich überzeugen. Einer davon ist der englische Geiger Nigel Kennedy: Seit über zwanzig Jahren macht er als „Geigen-Punk“ von sich reden, er gilt als erfolgreichster Interpret des Barockmeisters Antonio Vivaldi, er spielt Bach und Jimi Hendrix, Fritz Kreisler und die Doors, Elgar und Duke Ellington. Nach Klassikauftritten geht er, Vollblutmusiker durch und durch, nicht ins Hotel, sondern begibt sich auf Touren durch jeweils ansässige Jazzclubs. Erst kürzlich überraschte Kennedy nicht nur das Publikum, sondern auch die Musikwissenschaft, indem er fast vergessene spätromantische Violinkonzerte aus Polen aufnahm. Und trotz dieser atemberaubenden Vielfalt, dieser vielen Facetten und Nischenausleuchtungen in seinem Repertoire findet er immer wieder neue Lücken, die es zu schließen gilt. Und den ganz großen Schlachtrössern der Geigenliteratur nähert er sich auch nach Jahren neuer Perspektivgewinnung gerne ein zweites Mal. So jetzt geschehen mit Beethovens Violinkonzert, das Kennedy mit einem Komponisten koppelt, den er erst vor kurzem für sich selbst entdeckt hat und nun zum ersten Mal aufnahm: Wolfgang Amadeus Mozart. Auch bei dieser Aufnahme arbeitet Kennedy mit dem polnischen Kammerorchester zusammen, dem er seit 2002 als Künstlerischer Leiter vorsteht.
Der alte Beethoven war „zu romantisch“
1992 hat Kennedy Beethovens Violinkonzert das erste Mal eingespielt. Am Pult stand damals Klaus Tennstedt. Diese Zusammenarbeit würdigt der Geiger nach wie vor als eines der größten künstlerischen Erlebnisse in seiner Karriere. Aber diese Aufnahme wertet Kennedy heute als „zu romantisch“, „zu langsam“ – „leidenschaftlich, aber mit einem zu großen Anteil an Ausdehnung“. Der Beethoven von heute, den er jetzt, 15 Jahre später, mit dem polnischen Kammerorchester als Solist und Dirigent vorlegt, besitzt viel von dem, was der Künstler in all den Jahren bei seinen Grenzüberschreitungen gelernt hat: Weniger romantisch, dafür rhythmisch-impulsiv kommt das Konzert daher, taufrisch und unverbraucht, vital und revolutionär.
So sehr ihm Beethoven immer im Blut lag, so weit war Kennedys Weg zu Mozart: Er spielte die Werke dieses Komponisten natürlich während seiner Ausbildung (unter anderem bei Lord Yehudi Menuhin), doch dann blieben die Mozart-Noten Jahrzehnte in der Schublade. „Ich bin nicht wie er“, sagt Kennedy heute. „Mir fällt nichts leicht. Ich muss für meine künstlerischen Ergebnisse lange kämpfen, meine Musik beinhaltet eine Menge Arbeit. Und in dieser Beziehung bin ich mehr wie Beethoven, auch wenn das natürlich großspurig klingt.“
… und plötzlich öffnen sich Klanglandschaften
Dass Mozart in Kennedys Leben doch noch eine Rolle spielen sollte, kündigte sich auf ganz ungewöhnliche Weise an: Der Geiger gab seinem Sohn Sark als dritten Vornamen den Namen „Amadeus“: „Ich ahnte schon, dass meine Liebe zu diesem Komponisten wachsen würde.“ Jetzt war es Beethoven, der Kennedy zu Mozart führte: „Meine Liebe, Beethoven zu spielen, eröffnete mir den Weg zu ihm.“
Wer die Einspielung hört, wird verblüfft sein: Kennedy gelingt es, Mozart als echten Beethoven-Vorläufer herauszukehren. Als Querkopf und Revolutionär, als freches, aber hochbegabtes enfant terrible. Mozart schlägt hier die Brücke von Kennedys Favoriten Vivaldi zu Beethoven, was man nicht nur an Kennedys Stil, sondern auch an so manchen künstlerischen Details erkennt: etwa an der Verwendung des Continuo-Cembalos im Orchester.
Die Kadenz auf der E-Geige soll die Herzen öffnen
Kennedy hat unter Mozarts fünf Violinkonzerten mit dem Werk in D-Dur KV 218 das berühmteste ausgewählt – und auch hier erlaubt sich der Geiger eine Grenzüberschreitung: Er spielt zusammen mit dem Kontrabassisten Michal Baranski eine eigene Kadenz auf der Elektro-Geige. Plötzlich öffnet sich eine Klanglandschaft zwischen Klassik, Jazz, Pop und freier Improvisation, in die das Beste von Kennedys Jazz-Erfahrungen eingegangen ist. Die Stelle ist ohne Frage ein Überraschungsmoment. Kein Wunder!
Kennedy: „Die Kadenz soll ja den Geist und die Herzen öffnen und nicht verschließen – und ich glaube, dass diese Kadenz dem Ganzen eine ganz neue Atmosphäre verleiht.“ Trotz dieser Freiheiten findet sich in der Kadenz Mozarts gesamte Substanz: Basis ist das fanfarenartige Hauptmotiv, das in der Mischung von Streichern und Cembalo als Grundierung präsent bleibt.
Und das letzte Wort auf der CD hat dann wieder Kennedys Jazz: Der Titel Creepin’ In von Horace Silver klingt in Kennedys Fassung wie ein aus Mozart herausgewachsener Epilog …
Im Frühjahr 2008 wird Kennedy „seinen“ Mozart und „seinen“ neuen Beethoven in vielen deutschen Städten vorstellen.
Tracks
1. Allegro ma non troppo
2. Larghetto
3. Rondo. Allegro
4. Allegro (Cadenza with Michal Baranski)
5. Andante cantabile (Cadenza with Michal Baranski)
6. Rondeau
7. Horace Silver (arr. Kennedy): Creepin' In
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